Archive für Oktober 2007

Von Phasenverschiebungen und anderen Alltagsproblemchen

Ihr erinnert Euch sicher noch an meinen geliebten Mercedes CLS, der im September auf dem Weg zum Flughafen Frankfurt/Hahn (what a joke, Frankfurt ist 160 km entfernt) seinen Geist aufgab und brav auf dem Parkplatz eines Simmener Einkaufzentrums meiner Rückkehr harrte. Nun, ich bin Euch noch den Rest der Geschichte schuldig. Beide Katalysatoren waren hinüber, der Auspuff somit dicht und daher wollte das Auto dann auch nicht mehr. Aber meine Werkstatt ist sehr servicefreundlich. Sie holte den Wagen, tauschte die Kats und drückte mir wieder den Schlüssel in die Hand. Nach 200 km störte die Ölwarnleuchte durch penetrantes Aufblinken den soeben wieder mit meinem Auto geschlossenen Frieden. Hatte die Werkstatt etwa kein Öl nachgefüllt? Sei es drum, 1 Liter Schmiermittel, natürlich vom Feinsten, eingefüllt und weiter ging die Fahrt. Ungefähr 400 km später wiederholte sich das Spiel erneut. Na ja, meine Werkstatt ist ja servicefreundlich, also ging es wieder zum Mercedes Händler.

Der ebenfalls äußerst freundliche Meister schaut sich das Auto an und kann nichts finden. „Wahrscheinlich haben sie den Deckel am Einfüllstutzen verkantet aufgeschraubt und jetzt ist er undicht. Wir haben den Deckel ausgetauscht.“

Hey Leute, sollte ich mittlerweile so verkalkt sein, dass ich einen gewöhnlichen Deckel nicht mehr sachgerecht auf- und abschrauben kann? Ich bin 17 Jahre Motorradrennen gefahren und zu meinen Glanzzeiten konnte ich einen Rennmotor in 2 ½ Stunden komplett bis auf die Kurbelwelle zerlegen und wieder zusammenschrauben. Etwas kleinlaut nehme ich die Worte des Meisters hin und mache mich ab in Richtung Wien. Nach 300 km leuchtet die Ölwarnleuchte auf und ich fülle mal wieder einen Liter nach. Sofort rufe ich besagten Meister in der Mercedeswerkstatt an: „War wohl doch nicht der Deckel!“, sage ich zu ihm, jetzt wesentlich weniger kleinlaut. „Tja da müssen wir doch noch mal nachschauen, kommen Sie vorbei, wenn Sie aus Wien zurück sind“, meint er.Gut 2 Wochen später, nachdem ich auf meinem Weg nach Wien und zurück über 8 Liter Öl in den gierigen Schlund des Motors gefüllt hatte, stand ich wieder bei Mercedes vor der Tür. Einen Tag später ruft mich der Meister an, jetzt ist er etwas kleinlaut: „Kolbenfresser am 6. Zylinder und beginnender Kolbenfresser am 5.“ Warum der Wagen praktisch keine Leistungseinbuße und keinen erhöhten Spritverbrauch hatte, konnte er mir auch nicht sagen. Aber wahrscheinlich hatte der Motor sich mittlerweile darauf umgestellt, jetzt Öl anstelle von Super bleifrei zu verbrennen J

Ein Austauschmotor ist fällig. Glücklicherweise übernehmen sowohl Mercedes als auch die Werkstatt in einer Art konzertierten Aktion die Kosten in Höhe von 15.000 Euro. Während der letzten zwei Wochen stand also mein Wagen wieder mal rum. Als ich gestern aus London zurückkam, freute ich mich schon darauf, endlich wieder einen fahrbereiten Untersatz in Empfang nehmen zu können, schließlich habe ich in den nächsten 6 Wochen so einige Strecken durch halb Europa zurück zu legen, beginnend am nächsten Wochenende mit den Master Classics in Amsterdam.Heute Morgen rief ich dann wieder in der Werkstatt an und diesmal war der freundliche Meister noch kleinlauter: „Eh, Ihr Wagen ist noch nicht fertig.“

„Und woran liegt’s?“ fragte ich

.„Tja, Mercedes konnte bis heute noch keinen Austauschmotor liefern“, gab er zurück.

Moment mal, ein börsennotierter, international tätiger Konzern ist nicht in der Lage, innerhalb von 2 Wochen einen Ersatzmotor für eines ihrer eigenen Fahrzeuge zu liefern? Aber wahrscheinlich ist die Firma derzeit zu beschäftigt, bei Ferrari die Neuerungen der kommenden Formel 1 Saison auszuspionieren. O.K., kann ich nachvollziehen. Aber angeblich soll ich bis spätestens Samstag wieder mein Auto zurückbekommen. Fahrbereit… Und bis dahin stellt mir die freundliche Werkstatt immerhin eine C-Klasse zur Verfügung, auf Kosten von Mercedes, versteht sich.

Ihr werdet Euch jetzt wahrscheinlich fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Denn für Januar habe ich mir ein neues Auto bestellt. Wieder einen CLS. Aber diesmal mit Dieselmotor!!! 

Viele, die nur lange genug Poker spielen, haben sicher auch schon diese Erfahrung gemacht: Wir sehen uns mit einer bestimmten Hand einen Flop an und da liegt dann mit schöner Regelmäßigkeit genau das Gegenteil davon auf dem Tisch, was wir suchen. Nur eine Hand später wäre das Board dann ein absoluter Volltreffer gewesen und irgendwie wünscht man sich nichts sehnlicher als die Hand vom vorhergehenden Spiel zurück. Ich nenne das Phänomen „Phasenverschiebung“. Das Ganze wiederholt sich  in 30 Spielen ungefähr zwanzig Mal. Wenn die Phasenverschiebung eintritt, ist die Partie so gut wie gelaufen. Sie ist das Signal für mich, im nächstgelegenen Schützengraben Deckung zu suchen und geduldig zu warten, bis die Seuche vorbei ist. Die moderne Quantenphysik kann ein durchaus präzises Bild unseres Universums als Wellenfunktionen darstellen. Genauer gesagt Wellenfunktionen von Wahrscheinlichkeiten. Leider harmonieren die Sinusfunktionen der Wellen nicht immer mit unserem natürlichen oder erzwungenen Biorhythmus. Dann tritt eine Phasenverschiebung ein und wir befinden uns in der Talsohle, wenn der Punkt maximalen Erfolges an der Spitze der Sinuskurve liegt. Das Auto streikt, die Heizung geht kaputt, der Computer stürzt ab und beim Pokern sehen wir es schon als Erfolg an, wenn wir die Partie pari beenden können. Aber, völlig urplötzlich, scheinbar aus heiterem Himmel, löst sich alles in Wohlgefallen auf. Alles läuft rund, ein Erfolg jagt den Nächsten und wir fragen uns ernsthaft, wie es überhaupt jemals anders sein konnte. Wir reiten die Welle!  Es mag sein, dass ich in den letzten Wochen bei den großen Turnieren, die ich gespielt hatte, nicht unbedingt so fokussiert war, wie ich es hätte sein müssen. Ich hatte neben den üblichen Verpflichtungen eines gesponserten Pokerpros ein weiteres Projekt fertig zu stellen, dass mir ganz schön Energie abgezogen hat. Mein Arbeitsteil unseres neuen Buchprojektes „Pokermatrix“ musste beendet werden. Deadline war, beziehungsweise ist der 31. Oktober 2007, an dem das fertige Manuskript abzuliefern ist. Es ist schon das zweite Buch für dieses Jahr und nach „Living on the Edge“ stellte sich ein Problem ein, mit dem ich vorher nicht gerechnet hatte: Bücher schreiben kostet ziemlich viel Energie und zuviel Bücher schreiben brennt aus! Aber ein Buch ist auf seine Art und Weise irgendwie zeitlos und sollte deshalb mit Qualität angefüllt sein. Also starrte ich ein um das andere Mal auf einen ziemlich leeren Bildschirm und fragte mich, wie ich die Leere mit sinnvollen Zeilen ausfüllen soll. Jetzt bin ich am letzten Kapitel angelangt und bin mit dem bisherigen Inhalt so zufrieden, dass ich ihn mit gutem Gewissen bei meinem geneigten Verleger abliefern kann. Zwar nicht am 31. Oktober, zwei Tage länger wird er sich schon noch gedulden müssen. Und gleichzeitig gelobe ich feierlich, zumindest in den nächsten drei Jahren kein Buch mehr zu schreiben, auch kein noch so Kleines! Vielmehr werde ich konsequent das machen, weshalb ich meinen ursprünglichen Beruf als Arzt aufgegeben habe; ich werde Poker spielen, fokussiert, mit jeder Menge Energie und frei. Und ich werde gewinnen! Euer Michael von free-888.com

Von TV-Pokershows und „Show“-Poker

Am letzten Sonntag ging es nach England. Gleich 2 Fernsehshows standen in meinem Kalender. Zuerst ging es nach Maidstone für die 888 UK Open, bei denen ich den Nachmittagsheat am Montag spielen sollte und tags darauf stand für mich die Teilnahme am Revival von Late Night Poker in Cardiff/Wales auf dem Programm. TV- Fernsehshows haben den Vorteil, dass sich die Veranstalter und Sponsoren meist sehr um das Wohl ihrer Gäste bemühen. Die Unterbringung der Spieler erfolgt in echten Luxusherbergen mit eigenem Spa (Marriott in Maidstone/Hilton in Cardiff), die Verpflegung ist für britische Verhältnisse ausgezeichnet (was meinem derzeitigen strengen Diätplan überhaupt nicht zuträglich ist) und abends ist fast immer ein großes „come together“ (für mich allerdings nur mit Wasser und höchstens mal ne Diet-Coke) angesagt. Extrem motiviert bin ich bei den UK Open an den Start gegangen. Schließlich ist es der Hauptevent meines Sponsors und ich wollte mich mit einer akzeptablen Leistung präsentieren.

Es ist das übliche TV-Format: Ein Heat hat 6 Spieler und wird als Shootout gespielt. Der Gewinner zieht ins Halbfinale ein und der Runner-Up bekommt noch mal eine Chance in einem Hoffnungslauf, sich ebenfalls für das Halbfinale zu qualifizieren. Dabei geht es neben dem Prestige auch um jede Menge Geld; immerhin darf der Sieger der UK Open stolze 250.000 US$ mit nach Hause nehmen. Entsprechend lockt der Event auch etliche Topprofis an. So sah dann auch mein Match aus: John Tabatabai, Iraner mit britischem Pass, Zweitplatzierter des Main Events der WSOP Europe in London, ist einer der aggressivsten Spieler, die ich je kennen gelernt habe. Er reraist preflop eine Range von Händen, mit denen die meisten Leute nicht mal einzulimpen wagen. Außerdem an meinem Tisch Roland de Wolfe, Gewinner des letztjährigen EPT-Turniers von Dublin, den ich selbst vor ein paar Monaten in einem Interview als einen der drei besten europäischen Nolimit Hold’em Turnierspieler bezeichnet habe. Noch dabei Robin Keston, ein Profi der alten Schule, der aber ganz gut berechenbar ist. Abgerundet wurde unser Tisch von einem Spanier, den ich aber aus Barcelona gut kannte und eher als „weak spot“ bezeichnen würde und einem kanadischen Onlinequalifikanten, über den ich zunächst einmal ein Spielerprofil zu erstellen hatte.

Gleich in der ersten Hand kann ich einen schönen Pot einsammeln. Tabatabai openraist am Button den dreifachen BigBlind auf 6.000 und ich calle mit :Ad :Jc. Der Flop bringt :Ax :Jx :7x. Ich checke und er macht wie erwartet seine continuation Bet mit 6.000. Ich raise ihn auf 18.000 und er bezahlt relativ schnell nach. Am Turn kommt eine :6x. Da ich ihm nach seinem schnellen Call ein As gebe, versuche ich jetzt, mein Checkraise wie ein Bluff aussehen zu lassen: Mit 58.000 (im Pot sind 49.000) setze ich mein Bet am Turn etwas zu hoch an und versuche dabei, möglichst nervös und unsicher zu wirken. Aber Tabatabai riecht Lunte und foldet nach etwa 3 Minuten Überlegen seine Hand. Wie ich später erfahre, hatte er nicht das As, sondern den Jack getroffen. Keine 10 Minuten später habe ich die nächste größere Konfrontation: Der Spanier rechts von mir openraist am Button auf 6.000, ich finde im SmallBlind :Ax :7x und entscheide mich, mein aggressives Image etwas zu untermauern; ich reraise auf 15.000. Er bezahlt nach. Als im Flop :Ax :Qx :6x kommt, spiele ich erneut 15.000 an und der Spanier geht relativ schnell mit 85.000 all-in. Im ersten Moment will ich mich schon verabschieden, aber dann denke ich zurück an unsere verschiedenen Begegnungen in Barcelona und er sieht jetzt so aus, als wenn er sich überhaupt nicht mehr in seiner Haut wohl fühlen würde. Die überdimensionierte Höhe seines Reraises macht mich außerdem noch stutzig. Ich calle sein all-in und während er schon aufsteht, deckt er Pocket 5 um. Mein Paar Asse hält und wir sind noch zu Fünft am Tisch. Als Roland meine Hand sieht, schaut er mich ziemlich ungläubig an und fragt: „Bist Du verrückt geworden? Erst mit A 7 reraisen und dann noch sein all-in callen“. Keine halbe Stunde später kommt dann meine unvermeidliche Konfrontation mit ihm: Am Button finde ich Pocket :8c :8s , openraise auf 12.000 den dreifachen Big Blind. Roland reraist aus dem BigBlind auf 50.000. Ich kalkuliere kurz unsere beiden Chipcounts durch; auch wenn ich die Hand verlieren würde, hätte ich noch mehr als Average an Chips. Ich sehe auf der anderen Seite eine ausgezeichnete Möglichkeit, in dieser Hand Roland empfindlich zu schwächen und pushe all-in. Er callt sofort und dreht :As :Ks um. Doch das Wunder geschieht, ich gewinne tatsächlich den Coinflip! Wir sind jetzt nur noch zu Viert und ich besitze etwa 380.000 der insgesamt 600.000 im Spiel befindlichen Chips.

Robin Keston wird kurz darauf von Tabatabai eliminiert. Der zieht jetzt preflop mächtig an und reraist mich immer öfter, während der Kanadier uns relativ passiv zusieht. Irgendwann verliere ich einen Pot mit insgesamt 280.000 an ihn, als ich eines seiner Reraises mit :Kx :Qx nachbezahle, einen open ended straight draw erwische, mich aber letztlich seiner :As :Tx geschlagen geben muss. Zum ersten Mal unangenehm wird es, als der Kanadier mit :Ac :7c all-in geht und ich die Wette von 100.000 mit :As :Qs calle. Bei einem blanken Flop trifft er am Turn seinen Dreiouter und ich halte nur noch 143.000 an Chips. Dem Kanadier gelingt noch ein double up gegen John und plötzlich ist er Chipleader, während John und ich mit jeder etwa 150.000 beide unter Schnitt sind. Einige Zeit später bin ich dann selbst all-in gegen Tabatabai. Ich erhöhe mit Pocket :7x :7x und er geht erneut all-in. Nach meinem Call dreht er :Ax :5x um. Es ist natürlich ohne Belang, wie ich erneut die Hand als 70 % Favorit verliere, aber trotzdem fand ich die Entwicklung des Boards ziemlich widerwärtig. John trifft weder das As, noch macht er eine Straight; auf einem Flop von :Jx :Tx :3x folgt am Turn eine :Tx und am River ein weiterer :Jx . Mein Paar 7 ist plötzlich völlig wertlos, sein Kicker As gewinnt und ich bin raus.

Das Problem bei solchen Turnierformaten ist einfach, dass man es sich in den späteren Levels selbst mit einem ausgeprägten Chiplead nicht leisten kann, zweimal hintereinander eine 70 Prozent Gewinnchance zu verlieren. Auf meiner dreistündigen Fahrt nach Cardiff denke ich ziemlich intensiv darüber nach, wann und vor allem wie ich dieses Turnier mit diesem Chiplead noch vergeigen konnte. Aber außer der Entwicklung von hellseherischen Fähigkeiten fällt mir kein konstruktiver Lösungsansatz ein…

Euer Michael von free-888.com

Impressionen aus dem Wienerwald

Der Roulettetisch stand ganz am hinteren Ende des Saals. Auffällig in den Übergangsbereich zur Bar und Imbisstheke platziert, konnte kaum ein Besucher der Poker-EM die leuchtenden Anzeigen der Permanenzen übersehen oder die dezent monotonen Geräusche der weißen Kugel auf ihrem Weg durch den Kessel überhören. Ein leicht angetrunkener Ungar blickt gelangweilt auf das Tableau, auf dem er in scheinbar sinnlosen Mustern ein paar Chips  verstreut hatte. Plötzlich passiert der GAU. Die Kugel trifft in einem derart seltsamen Vektor auf eine der Rhomben im Kessel, dass die (Un)wahrscheinlichkeit jenseits der fünfachen Standardabweichung zur Realität wird und die Kugel den Kessel verlässt, um auf dem Teppich des Spielsaales das Weite zu suchen. Mit der Präzision eines erfahrenen Lauerjägers hechtet der Ungar der Kugel nach und fängt sie ab, noch bevor sie zum Stillstand gekommen ist. Er wirft sie in sein Wodkaglas, schüttet den Inhalt des Glases samt Kugel in seinen weit aufgerissenen Mund, schluckt einmal kräftig und gibt in gebrochenem Deutsch von sich: „Jetzt meine Kugel. Habe schon längst am Tisch bezahlt!“

Stories dieser Art waren früher der Stoff, aus dem Legenden gestrickt wurden, die man sich meist noch Monate nach dem Turnier erzählte, das in vergangenen Zeiten zu Recht den Namen „Opernball“ der Pokerevents trug. Selbst die Kampfschreie der Chinesen am PuntoBanco Tisch, die wieder einmal 10.000 € auf Ponte gesetzt hatten und dann krampfhaft versuchten, eine unverlierbare Neun aus den 2 Karten in ihren Händen zu quetschen, waren dieses Jahr weitgehend verstummt. Der Opernball hat an Glanz verloren und an einigen Stellen blättert der Lack selbst ein wenig ab. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Einerseits schreckte natürlich das extrem hohe Buy-in von 8.000 Euro für den EPT Event die allermeisten ambitionierten Freizeitspieler kräftig ab, die normalerweise bei 5.000 Euro die absolute Schmerzgrenze der Investitionsmöglichkeiten in ein Pokerturnier sehen. Ein Teil der üblichen Verdächtigen erschien dann doch noch zur Baden Open und zur 7-Card Stud EM, während aber ein größerer Teil der EPT Spieler bereits nach Barcelona weiterflog, um dort an der spanischen Premiere der World Poker Tour teilzunehmen. Der zweite, schwergewichtigere Grund war aber vermutlich politischer Natur. In den vergangenen Jahren hatten sich immer mehr Turnierteilnehmer über die horrenden Preise für das „All-you-can-eat-and-drink“ Paket von 125 Euro pro Tag und Person beschwert. Die Pauschale wurde unabhängig davon fällig, ob sich ein Spieler 14 Stunden am Tag im Casino aufhielt oder sich seine Begleitperson nur mal für 30 Minuten als Kiebitz beschäftigen wollte. Der Veranstalter Casinos Austria entschloss sich aufgrund der Proteste diesmal dazu, das Komplettpaket abzuschaffen und den Gästen einen regulären Bestell- und Bezahlservice anzubieten. Natürlich passte diese Entscheidung dem Gastronomiebetreiber Do&Co überhaupt nicht und der wiederum entschloss sich, seinen Unmut in allerlei subversiven Spielchen Ausdruck zu verleihen. Der offensichtlichste Teil dieser Unmutkundgebungen spiegelte sich in den Getränkepreisen wieder. 4,10 Euro (= 5 Euro inklusive obligatorischem Trinkgeld) für einen Kaffee überschreitet selbst die gesalzenen Preise des weltberühmten Hotel Sacher in Wien. Aber auch die an sich sehr freundlichen Servicekräfte hatten so ihre merkwürdigen Direktiven von oben erhalten. Als ein Gast zur Feier seines Finaltisches bei einem Event eine Flasche Champagner ordern wollte, wurde ihm höflich mitgeteilt, dass er sich diese gefälligst selbst an der Bar abholen solle, da die Bedienung keine Champagnerflaschen servieren dürfe. Tut mir leid, aber für mich fällt diese Vorgehensweise eindeutig unter die Rubrik „Vorsicht – Kunde droht mit Auftrag“ und war mir bis dato grundsätzlich nur aus der Servicewüste Deutschland bekannt. Diese Faktoren schlugen sich zwangsläufig auch auf die Stimmung der Gäste nieder und so fehlte dieses Jahr jenes besondere Etwas, was das „Big Double“ in Baden so einzigartig machte.

Im Gegensatz dazu bot die Mannschaft rund um Turnierdirektor Edgar Stuchly erneut eine Spitzenvorstellung der Sonderklasse. Baden zieht jedes Jahr aufs Neue jede Menge Leute an, die am Turnier selbst überhaupt nicht interessiert sind, sondern nur aufgrund der ausgezeichneten Cashgame Action präsent sind. Im Gegensatz zu den EPT Orten Barcelona oder Kopenhagen, wo man stundenlang auf einen Platz warten muss, kamen hier nur selten Engpässe auf. Tische in den jeweiligen Limits wurden schnell und problemlos eröffnet, an das Spieleraufkommen angepasst und auch die Dealer machten in den meisten Fällen einen guten und kompetenten Job.Buy-in und Struktur der EPT sind ja bekanntlich durch die Tour selbst vorgegeben, wobei ich zwischen den Zeilen lesen konnte, dass der Gastgeber, Casino Baden, mit dem Buy-in von 8.000 Euro überhaupt nicht glücklich war. Hier würde ich mir ebenfalls ein wenig mehr Flexibilität wünschen, sonst haben wir bei der EPT langfristig nur noch zwei Spielergruppen: Onlinequalifikanten und gesponserte Pros. Es kann nicht im Interesse der Tour liegen, ambitionierte Freizeitspieler, die sich online halt nicht qualifizieren konnten oder wollten, über die Höhe des Buy-ins quasi von der Veranstaltung auszuschließen. Und mit etwas gutem Willen geht es auch anders, wie man am Beispiel EPT Warschau und Prag mit dem jeweiligen Buy-in von 5.000 Euro sehen kann.Im Gegensatz dazu wagte sich die Pokercrew von Casinos Austria bei der Durchführung der diesjährigen 7-Card Stud EM auf echtes Neuland. Das Turnier wurde erstmals als Multitable Freezeout Turnier durchgeführt und die Generalprobe fand bereits im Juli mit dem 7-Card Stud Event während der Wörthersee Trophy statt. Nach dem damaligen Event fragte mich Edgar Stuchly, was ich von der Struktur halten würde. Ich antwortete ihm: „Der Timetable und die Steigerungen sind sehr gut, ich würde nur die Startchips von 5.000 auf 10.000 verdoppeln.“ Gesagt, getan, bei der Europameisterschaft gab es dann 10.000 Chips. Zwischenzeitlich dachte ich zwar, dass 15.000 bzw. 20.000 noch sinnvoller wären, aber die Realität zwingt dem Projekt auch gewisse Grenzen auf. Bei einer geplanten Turnierdauer von drei Tagen ist einfach nicht mehr drin! Dass der Event auf jeden Fall ein voller Erfolg war, sieht man schon an der Spieldauer des Finaltisches, der am dritten Tag von 18:00 Uhr bis 3:30 Uhr morgens ging. Es war der spannendste Finaltisch, den Baden jemals erlebt hatte. Für mich steht fest, dass hier von der Struktur her das beste Studturnier des Planeten ausgetragen worden ist.

In der Presse konnte man unter dem Titel „Der Weltmeister rastet aus“, mein Ausscheiden aus dem Turnier nachlesen und dies verlangt sicher nach einer näheren Erklärung. Um es vorweg zu nehmen: In der Tat hatte ich unmittelbar bei meinem Abgang die Fassung verloren. Nach einer ziemlich schlechten Turnierwoche in Wien setzte sich auch bei der EPT und der Baden Open mein Downswing ungebrochen fort. Es sah jedes Mal gleich aus: Irgendwann in den ersten drei Stunden der jeweiligen Turniere habe ich als deutlicher Favorit versucht, ein ordentliches Stack für ein strategisches Moneyplay aufzubauen und dabei einen mehr oder weniger ausgeprägten Suckout kassiert. Als short Stack konnte ich mich dann meistens kaum noch rühren und habe nach weiteren ein bis zwei Stunden meine restlichen Chips mit der ersten spielbaren Hand, meistens als squeeze play nach zwei oder drei Limpern, gepusht. Jedes Mal werde ich gecallt, jedes Mal renne ich in eine bessere oder dominierende Hand und kein einziges Mal gelingt mir dann der Suckout. Beim 7-Card sollte alles besser werden. Schon zehn Tage vor dem Turnier hatte ich angefangen, täglich eine Stunde Card-Counting zu trainieren. Das lückenlose Abspeichern der offenen Karten ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg bei Studgames und da viel zu wenig Studturniere im jährlichen Kalender angeboten werden, muss diese Fähigkeit immer wieder aufgefrischt und trainiert werden. Mein Tisch war im Prinzip ebenfalls ganz gut. Es waren zwar vier gute erfahrene Leute darunter aber auch ein Steinbeißer bzw. eine Steinbeißerin. Jene Spezies Pokerspieler, die man praktisch nur noch beim Stud findet, schauen fast nie auf die Karten ihrer Gegner, aber wenn sie selbst auch nur ein Paar Fünfer halten, beißen sie sich damit bis zum Showdown durch. Sie sind unbluffbar, aber auch ungeheuer wertvoll, weil sie stets passiv spielen und nicht die relative Stärke ihrer Hand in Bezug auf den Mitspieler einschätzen können. Die Steinbeißerin an meinem Tisch sollte eigentlich der Wegbereiter meines Erfolges werden. Stattdessen wurde sie mein Untergang. Ich will Euch hier nicht mit irgendwelchen Bad Beat Stories langweilen. Kurz gesagt: Zuerst verliere ich die Hälfte meines Stacks an sie, obwohl ich 96 Prozent Gewinnchance hatte. Eine halbe Stunde später bekommt sie auch noch meine restlichen Chips. Diesmal hatte ich allerdings „nur“ 92 Prozent auf Sieg. Ziemlich entnervt stehe ich auf und will mit einer wohl viel zu heftigen Handbewegung meinen MP3 Player greifen. Dabei rutscht er mir aus der Hand und die kinetische Restenergie reicht aus, um ihn an die etwa 70 cm entfernte, hinter mir befindliche Wand zu befördern. Aber er hat den nicht ganz freiwilligen Flug unbeschadet überstanden. Ich war keineswegs sauer auf die Dame, die sich so tapfer bis zum Showdown durchgekämpft hatte, schließlich wollte ich ja, dass sie ihre Chips in den Pot befördert. Ich fühlte mich einfach wie der berühmte Hamster im Rad, der den ganzen Tag Muskelarbeit leistet und dabei keinen einzigen Schritt vorwärts kommt. Nach einigen Minuten wurde ich mir allerdings meines Fehlverhaltens bewusst und habe mich natürlich für meinen stillosen Abgang entschuldigt.

Jetzt ist erst mal eine Woche Pokerpause angesagt und dann geht es wieder nach England bzw. Wales, wo ich an 2 Fernsehturnieren (888 UK-Open und Party Poker Late Night Poker) teilnehmen werde.   Euer Michael von free-888.com

Stilblüten der Varianz!

Natürlich ist mir klar, dass Turnierwochen überaus seltsame Verläufe nehmen können. Über 10 Jahre auf der Tour haben die verschiedensten Vorlagen für die skurrilsten Drehbücher geliefert. Und natürlich ist mir auch klar, dass die kosmisch völlig unbedeutenden Pendelbewegungen der Varianz und die daraus resultierenden Standardabweichungen von dem Mittelwert der Erwartung jedem Stochastiker nicht einmal ein Lächeln entlocken könnten. Aber aus der egozentrischen Sicht eines Pokerspielers heraus bilden jene komplett normalen Ereignisse das Fundament einer Verschwörungstheorie, die vermeintlich die Grundpfeiler der uns bekannten Mathematik erschüttern.

Sieben Turniere habe ich in den vergangenen neun Tagen im Concord Card Casino gespielt, keinen einzigen Finaltisch erreicht, nicht einmal ins Preisgeld bin ich gekommen. Auf dem langen und schmerzvollen Weg durch dieses Festival wollte ich schon das Buch der Wahrscheinlichkeitstheorie neu schreiben: Drei Outs für den Gegner ist gleich 50 Prozent Gewinnchance, zwei Outs entsprechen einer Drittelchance und mit einem verbleibenden Out gewinnt er immer noch jedes vierte Spiel. Bitte nicht verwirren lassen; die gerade getätigte Aussage entbehrt jeder mathematischen Erkenntnis und beschreibt nur ein Phänomen, dass ich ohne jeden Bezug zur Wissenschaft als „persönlich erlebte Wahrscheinlichkeit“ umschreibe.Beim Omaha-Turnier beispielsweise sitze ich zwei Stunden nach Ende der Rebuyphase mit etwa 28.000 Chips und doppeltem Average recht komfortabel in meinem Stuhl und schiele schon heimlich auf den Preisgeldtopf der ersten drei Plätze, obwohl noch über 40 Teilnehmer dabei sind. Nun, man muss sich eben immer Ziele setzen! Rechts von mir  ein junger Deutscher, der freimütig zugibt, dass dies sein allererstes Omaha-Turnier ist. Er kommt vom Texas Hold’em, ist im Omaha völlig unbedarft und fragt mich während der ersten Stunden des Turniers förmlich Löcher in den Bauch, wie ich diese oder jene Hand gespielt hätte, was vernünftig und unvernünftig ist. Er macht einen ganz patenten Eindruck und so gebe ich ihm präzise Auskunft, so gut ich es eben kann. Auf einmal ist er mit seinen letzten Chips all-in, steht schon auf und läuft weg vom Tisch, als ihn die Dealerin zurückpfeift. Er hatte eine Straight getroffen, aber es nicht bemerkt. Sie schiebt ihm den Pot zu und er geht die nächste Hand wieder all-in, gewinnt erneut und nachdem er das Ganze noch dreimal zelebriert hat, ist er keine zehn Minuten später plötzlich Chipleader am Tisch. Was für ein Glück, dass ich ihm nicht in die Quere gekommen bin und der Berg an Chips vor mir immer noch Realität ist. Dann kommt die scheinbar unausweichliche Konfrontation: Ich sitze am Cut off mit :6x :6x :3x :3x , der Button ist short stacked und raist sich selbst mit 1.300 all-in. 4 Leute callen, darunter auch mein neuer Freund und ich. Der Flop bringt :6h :5h :5c . Ich habe das Nuts Full House geflopt und mit heimlicher Freude bemerke ich, wie der erste Spieler 400 in den Pot von knapp 7.000 anspielt. Der Junge neben mir greift wahllos in seine Chips, wirft einen Stapel Tausender in die Mitte und knurrt Raise. Ich lasse mir Zeit für meinen Move, bevor ich mit einer einzigen, ruhigen Bewegung hinter meine Chips lange und sie mit den Worten all-in in die Mitte schiebe. Der Button ist all-in, der ursprüngliche Anspieler foldet, aber mein rechter Nachbar braucht keine 10 Sekunden, um mit den Worten „na und, dann bin ich eben weg“ die fast 20.000 nachzuzahlen. Er sagt zu mir: „Ich habe Flushdraw“ und dreht :Ah :Jh :Jd :2c um. Keine 15 Minuten vorher habe ich ihm ausgiebig erklärt, dass es im Omaha ziemlich hirnrissig ist, mit einem Flushdraw seine Chips in die Mitte zu werfen, wenn im Board schon ein Paar liegt und die Action mit Raise und Reraise ankommt. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass der all-in short Stack selbst den :Js in der Hand hat. Aber es gibt ja noch den :Jc und der erscheint selbstverständlich am Turn. Er hat in dieser Hand so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann, die Chips wandern trotzdem zu ihm und ich trolle mich davon. Better be lucky than good!!!

Diese Story hat sich während der vergangenen Woche in allen erdenklichen Variationen immer wieder so zugetragen, bis ich am letzten Tag des Festivals in einer Omaha Cashgame Partie mit 10/10 Blinds Platz nehme. Die Action ist ausgezeichnet, kaum einer sitzt mit weniger als 2.000 Euro da, einige haben über 10.000 Euro vor sich liegen. Kaum eine Hand geht preflop ohne Raise über die Bühne und so lockere ich ebenfalls ein wenig meine Qualitätsanforderungen an die Starthände. Omaha ist ein Flopspiel! So entschließe ich mich auch gegen alle Vernunft, ein preflop Reraise mit :Ac :Kd :Tc :3h nachzuzahlen. Vier Leute schauen sich den Flop an, mein As ist vermutlich tot, da ich mit hoher Sicherheit gegen As As und viele Highcards spiele. Im Flop kommt :Kh :7s :4s. Alle checken zum ursprünglichen Reraiser, der geht mit etwa 2.000 Euro all-in, ein weiterer Spieler schiebt ebenfalls über 2.000 in die Mitte. Eigentlich müsste ich folden, Toppaar mit Topkicker ohne Flushdraw ist bei weitem zu dünn bei dieser Historie und Action. Aber der Dämon namens Gier auf meiner Schulter flüstert mir zu: „Call, die 8.000 Euro im Pot sollen dir gehören!“ So schiebe ich ziemlich hirnrissig ebenfalls meine Chips in die Mitte. Und siehe da, das Wunder geschieht. Zuerst taucht eine :Tx am Turn auf, dann noch ein :Kx am River und ich halte die stone cold Nuts in Händen. Etwas entgeistert starrt mich der ursprüngliche Reraiser an. Ohne seine Hand wirklich zu zeigen, behauptet er, am Flop ein Set mit Flushdraw getroffen zu haben. Die obligatorische Frage „How could you call that?“ kommt ihm über die Lippen. Ich lächele nur, denke über die Stilblüten der Varianz der vergangenen Tage nach und spontan kommt mir der folgende Satz in den Sinn: „Better be lucky than good!“ In diesem Sinne: Ship it! 

Euer Michael von free-888.com

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