Archive für Mai 2008

Von Traumturnieren und geplatzten Seifenblasen

Die vergangene Woche verbrachte ich mal wieder nach der Devise: „See Europe in one week!“ Na gut, etwas übertrieben ist das schon, aber ein Hauch von Jet Set haftete dem Terminplan doch an. 

Am Dienstag startete ich nicht ganz so Jet Set-mäßig mit dem bekannten irischen Billigfluganbieter von Baden-Baden aus mit Ziel Girona (Hin und Rückflug für etwa 47 €!!!), um in Peralada meine bescheidenen Dienste bei der Ausrichtung des Live-Finales der World Poker Crown anbieten zu können. Etwa 2 Millionen US$ galt es an dem Finaltisch zu verteilen, allein der erste Platz war mit 1 Million dotiert. Völlig standesgemäß wurden die 10 Finalisten und ihr zweimal so großes Aufkommen an Betreuern und Begleitpersonal von drei Helikoptern im Formationsflug (inklusive Synchronlandung) eingeflogen, während ich erneut nicht ganz so Jet Set-mäßig am Landeplatz stand und die Vorgänge fürs Fernsehen kommentieren durfte. 

Immerhin 9 Loch Golf konnte ich danach noch mit meinem Chef von 888 spielen, ehe wir dann im gemieteten Kleinwagen dem Tross in den Hafen von Roses nachjagten, wo die Finalisten sich gerade mit Speedboot fahren vergnügten. Abgeschlossen wurde der erste Tag dann von einer ausgezeichneten Dinnerparty in einem kleinen katalanischen Ort direkt am Mittelmeer, wobei das Adjektiv ausgezeichnet sowohl die kulinarische Seite des Abends, als auch die Stimmung der Party nur unvollständig zu beschreiben vermag.Das Turnier selbst startete dann am nächsten Morgen schon um 10 Uhr, und zog sich aufgrund der ziemlich spielfreundlichen Struktur (schließlich ging es ja auch um lebensverändernde Preisgeldsummen) bis 2 Uhr morgens hin. Leider musste sich unser einziger deutscher Finalist, Mark Rössler aus Göttingen, schon auf Platz 7 mit einem wirklich herben Bad Beat verabschieden. Das Ganze wurde ihm aber doch noch mit 60.000 US$ versüßt. Lebensverändernd hat sich das WPC-Finale auch für den Sieger ausgewirkt: Jack Hinchey, ein kanadischer Lagerarbeiter von fast 50 Jahren, nahm die Million mit nach Nordamerika. Wer jemals behauptet hat, das Leben im Allgemeinen und Poker im Speziellen sei fair, weiß, dass diese Sicht der Dinge wohl nur mit einer rosaroten Brille möglich ist. Aber so ab und zu blitzt doch mal ein Hauch von Gerechtigkeit durch. Mit Jack hat es den Menschen getroffen, dessen Familie durch das Preisgeld wohl eine Chance erhalten wird, die anders kaum vorstellbar gewesen wäre. Wirklich beeindruckt hat mich ein spontaner kleiner Nebensatz in seinem Interview: „Jetzt kann ich endlich meine Tochter auf der Universität studieren lassen!“ 

Nach dem großartigen Turnierverlauf flog ich am nächsten Morgen zurück nach Deutschland, um mich auf direktem Wege nach Innsbruck zu begeben, weil ich ja unbedingt noch den Main Event der CAPT Serie mitspielen wollte. Meine gute Laune konnte auch nicht wirklich durch die 6 ½ Stunden Stop and Go Pfingstreiseverkehr beeinträchtigt werden und offensichtlich nahm ich auch die Schwingungen vom Peralada Finale mit. Als Tag 1 des Turniers nach 9 Levels und bei noch 20 verbliebenen Spielern beendet wurde, war ich zweiter Chipleader mit doppeltem Average. 

Tag 2 ging ich entsprechend optimistisch an, in der Bubblephase legte ich einen Gang zu und erhöhte meine Preflop Raise Sequenz entsprechend. Schließlich sind die Chips dazu da, auf Arbeit geschickt zu werden. Der Italiener links von mir war nach einer Weile sichtlich genervt von meinen Raises und gerade als ich wieder mal etwas zurückschrauben wollte, lachten mich :Ad :Kc aus meinen Pocketcards an. Mein erneutes Raise wurde diesmal von einem italienischen All-in beantwortet, das ich sofort callte. Mein Gegner drehte :Kx :Qx um. In endloser Wiederholung der Ereignisse der vergangenen vier Monate war es völlig illusorisch auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich den Showdown gewinnen durfte. Mein verehrter Mitspieler machte selbstverständlich zwei Paar und danach war ich erst einmal short stacked. In den weiteren zwei Stunden, über die sich die Bubblephase zu Elft erstreckte, konnte ich mich schließlich wieder von 31.000 auf 78.000 Chips berappeln und nahm zwar immer noch short, aber keineswegs in akuter Gefahr, am Finaltisch Platz. Die Chance, erneut Chipleader zu werden, sah ich kommen, als mein rechter Nachbar zum zweiten Mal in Folge preflop raiste und ich am Cut off :Qs :Qh fand. Ich ging sofort all-in und nach mehreren Minuten des Überlegens callt er den Bet. Er dreht :Ax :Jx um. Spontan lässt sich der Big Blind zu der Aussage hinreißen: „A-J hatte ich auch, aber ich habe gefoldet!“ 

Das hört sich doch nicht so schlecht an, denke ich mir noch, da habe ich ja glatt über 80 Prozent anstelle der bescheidenen 73 Prozent, mit anderen Worten, es besteht eine winzige Chance, den Showdown zu überleben. Aber schon allein der Gedanke war vermessen. Selbstverständlich erscheint sofort im Flop ein As, ich bin als 10. raus und auch die CAPT Innsbruck reiht sich in die permanente Folge von Finaltischen seit Jahresanfang ein (s. HendonMob Database), ohne wirklich etwas gerissen zu haben. Aus reinem Trotz werde ich vor meiner Abreise zur WSOP nach Las Vegas noch einen Zwischenstopp in Barcelona einlegen, wo ich einen Angriff auf das WPT Turnier vom 23. bis 27. Mai starten werde. 

Euer Michael von free-888.com

Multitasking

Gerade mal drei Wochen dauert es noch, dann geht es wieder nach Las Vegas, zur WSOP. Wer mich etwas näher kennt, kann sich vermutlich auch ohne explizite Beschreibung meine Marschrichtung vorstellen. Bis auf den Main Event werde ich auch dieses Jahr die Nolimit Hold’em Turniere weitgehend links liegen lassen und meine Heil auf den Nebenschauplätzen suchen. Stud und Omaha in allen Stilrichtungen, selbstverständlich auch die Hi/Lo Varianten, stehen auf dem Programm. Am Liebsten sind mir die echten Mix-Events wie H.O.R.S.E und erstmals ist dieses Jahr auch ein echtes Highlight dabei: Der 10.000 $ Buy-in Championship Event in „Mixed Games“. Hier werden gleich acht verschiedene Pokervarianten gespielt und es wird sogar zwischen Nolimit, Potlimit und Splitlimit gewechselt. Ein echtes Traumturnier also! 

Da man in Europa kaum Gelegenheit hat, insbesondere Hi/Lo Games im Livebereich zu spielen und speziell bei den sehr technischen Varianten gewisse Fähigkeiten mangels Training einrosten können, startete ich also bereits vor zwei Wochen mein „Online-Aufwärmprogramm“. Für mich persönlich eignet sich am Besten die Heads Up Sit & Go Variante im Turniermodus, so ab 100 $ Buy-in aufwärts. Heads Up deshalb, weil ich möglichst viele Flops spielen will und dazu gezwungen werde, oft „borderline Entscheidungen“ zu treffen. Bei diesen Trainingssessions ist es zunächst völlig zweitrangig, ob ich das Match gewinne oder verliere. Hauptsache ist, dass ich verschiedene Moves ausprobieren kann und die Gegner entsprechend gut spielen können, was aber ab 100 $ Buy-in recht häufig der Fall ist. 

Vor ein paar Tagen fiel mir ein junger deutscher Spieler auf, der praktisch immer am 100 $ Omaha Hi/Lo Tisch auf „Kundschaft“ wartete. Ich loggte mich ein und stellte schnell fest, dass er wirklich gut spielte. Tighter Grundansatz, fand jedoch zielsicher seine Spots für Moves und er ließ sich auch nicht in die typischen „Hi/Lo Fallen“ locken, drawing auf nur die Hälfte des Pots größere Summen zu investieren. Noch während des Matches fragte er mich, ob wir nicht mehrere Matches, ein „Best of Five“ spielen sollten. Geht klar, sagte ich ihm, aber nur nacheinander. Er gewann prompt den ersten Heat und im Chat drückte ich noch meinen Respekt für seine Skills aus. Nach der Vorstellung, die ich so sehen konnte, drängte sich mir zwangsläufig die Frage auf, warum so ein guter Spieler immer noch bei der 100 $ Buy-in Sektion zu finden war. Im zweiten Heat verlor ich prompt in der Anfangsphase meine DSL-Verbindung und bis ich das Problem mit der Telekom lösen konnte und wieder online war, hatte ich über 90 % meines Stacks verloren und kurze Zeit später auch das zweite Match verloren. Aber mittlerweile hatte ich ein grobes Profil von meinem Mitspieler, schraubte ein wenig meine Preflop-Aggressivität zurück und callte auch mal mit äußerst marginalen Händen seine deftigen River-Bets. Ich gewann das dritte Match, das Vierte und auch das Fünfte. Und während des fünften Heats wurde mir so langsam klar, warum er trotz seiner sehr guten Technik immer noch auf dem 100 $ Level spielt. Er ging so langsam aber sicher „on tilt“. Kaum ein Pot, den ich gewann, wurde nicht ausgiebig mit den überschwänglichsten Umschreibungen für mein Glück kommentiert, der Satz, „wie konntest du nur mein Bet am River bezahlen“, wurde fast schon zum Standardspruch. 

Richtig ernst wurde es dann gegen Mitte des fünften Matches, als ich im Chat lesen konnte: „Lass uns einen zweiten Tisch aufmachen, ich brauche mehr Action“.Ich antwortete ihm, dass ich mit zwei parallelen Heads Up Tischen in Omaha Hi/Lo völlig überfordert sei und keine Perspektive sehe, an beiden Tischen gleichzeitig gutes Poker zu spielen.Mal ganz im Ernst: Ich habe noch nie mehr als vier Tische gleichzeitig gespielt. Das waren dann immer nur volle Nolimit Hold’em Tische und was dabei von mir fabriziert wurde, war absolut tightes Standardpoker. Im Potlimit Omaha schaffe ich drei Tische unter der Voraussetzung, dass an jedem Tisch mindestens vier Spieler sitzen. Und dann frage ich mich oft, ob die eine oder andere Entscheidung nicht deutlich besser ausgefallen wäre, wenn die Reizüberflutung nicht so extrem und die Zeit zum Nachdenken länger gewesen wäre.Ich hege allergrößte Bewunderung für die Genies, die 8, 10 oder 12 Tische gleichzeitig spielen und dabei auch noch vernünftig und mit Gewinnerwartung pokern. Aber in jene Sphären des Pokerhimmels werde ich mich wohl niemals aufschwingen können. Und gerade bei sehr technischen Pokervarianten sind die Entscheidungen postflop höchst individuell und in Schlüsselsituationen oft kompliziert, so dass sich Zeitdruck immer nachteilig auf die Qualität der Entscheidung auswirkt. Ich hatte dem Drängen meines Omaha Hi/Lo Gegners dann als Kompromiss doch noch nachgegeben und ein sechstes Match gespielt, obwohl es schon fast 5 Uhr morgens war. Das Match habe ich auch noch gewonnen. Manchmal ist weniger dann letzten Endes doch mehr! 

Euer Michael von free-888.com

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