Archive für Juni 2008

Von neuen Wegen und Orientierungsschwierigkeiten

„I’ve got nothing to offer than blood, sweat and tears“, waren die denkwürdigen Worte Winston Churchills, als er im Mai 1940 das Amt des Premierminsters antrat. O.K., das Ganze ist für meine derzeitige Situation schon reichlich übertrieben, trifft aber recht gut die Stimmungslage, wenn ich von meiner bisherigen WSOP berichten soll. Die ersten drei Wochen war ich durchgehend krank mit einer Sinusitis inklusive Stirnhöhlenvereiterung, wie ich es noch nie erlebt hatte. Das Schlimmste war der Schlafentzug und die Nebenwirkungen der diversen Medikamente, so dass der Informationsaustausch meiner kleinen grauen Zellen bestenfalls im Schongang ablief. Seit vier Tagen bin ich wieder medikamentenfrei und die letzten Symptome der Krankheit sind im Auslaufen. Mittlerweile wird mir auch klar, wie weit mein bisheriges Spiel von meinem echten A-Game entfernt war. 10 WSOP Turniere hatte ich gespielt, ohne einen Finish im Geld vorweisen zu können. Zweimal hatte ich eine echte Chance zumindest einen Schuss auf die Moneyplätze zu bekommen, beide Male blieb die Chance  ungenutzt. Im 10K Mixed Event schied ich 5 Minuten vor Ende des letzten Levels an Tag 1 aus, weil ich bei der Variante Potlimit Omaha meine Pocket-Asse bei gepaartem Board Heads Up gegen Ralph Perry nicht loslassen konnte, zahlte sein gerivertes Full House voll aus.Ebenso schlecht spielte ich im 3K H.O.R.S.E Event (an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch an Jens Vörtmann zum Sieg und zum Bracelet), als ich in der letzten Hand des Tages die Arena verlassen musste, weil ich die letzten 30 Minuten unbedingt Chips machen wollte und zwei Hände gnadenlos überspielte. 

Mehrfach saß ich während der letzten 2 Wochen vor meinem Notebook, um an einem neuen Blog zu feilen, aber jedes Mal gab ich auf, weil ich einfach nicht dazu in der Lage war, auch nur 3 sinnvoll zusammenhängende Sätze zu formulieren. Letzten Endes ist der menschliche Intellekt und das Bewusstsein doch nicht mehr als die Summe neuronaler Netzwerkverbindungen, die mit Hormonen, Stoffwechselprodukten, Sauerstoff und CO2 überschwemmt werden, wobei die Qualität des Intellekts maßgeblich durch die Zusammensetzung der Betriebsstoffe definiert wird. 

Aber es gibt auch einige positive Dinge zu berichten: Das für mich neue Experiment Wohngemeinschaft im Intellipoker-Haus zeigt eine erfrischend gute Bilanz. Lebensqualität und Stimmung sind zu 90 Prozent wirklich ausgezeichnet, das Ambiente stimmt und man hat Abstand zum Strip, dem Glamour, den rasselnden Automaten und der betriebsbedingten Hektik. 

Ebenso erfreulich verlaufen meine Cashgame Angriffe, die sich zu 80 Prozent auf Seven Card Stud Hi/Lo $50/$100 konzentrieren. Die meisten Sitzungen hatte ich allerdings nach drei bis vier Stunden abbrechen müssen, da die Konzentration spürbar nachließ. Diese Variante ist eigentlich mein Lieblingsspiel und da es in Europa überhaupt nicht gespielt wird, nutze ich hier jede Möglichkeit aus. Bezeichnend für meine Turnierform war auch der 5K Event im Stud Hi/Lo. Nach nur drei Stunden war ich draußen, völlig chancenlos konnte ich in diesen drei Stunden nur 2 Pots teilen, eindeutig zuwenig zum Überleben. Direkt danach setze ich mich ins Cashgame und gewinne 56 Big Bets in nur drei weiteren Stunden. Ein Ergebnis, das selbst bei optimistischster Annahme meiner Fähigkeiten viel zu hoch ist. Immerhin hatte ich gestern Abend das Privileg, Sebastians Sieg in dem Event gegen Chris Ferguson live miterleben zu können. Es war einfach genial, ihm zuzusehen, zumal mir die gemeinsamen Stud Hi/lo Sessions online in Cardiff ins Bewusstsein gespült wurden. Luckbox, das war ganz großes Tennis, willkommen im Club!!! 

Abgeschrieben habe ich diese WSOP aber längst noch nicht. Es stehen noch einige Turniere auf meinem Plan, unter anderem das 10K Potlimit Omaha und natürlich auch der Main Event. Jetzt schon die Flügel einziehen und in Deckung gehen, wäre eindeutig verfrüht. Wie Ihr alle wisst: Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Euer Michael von free-888.com

World Poker Tour in Barcelona

Barcelona ist immer eine Reise wert. Die guten Restaurants oder die schicken Nachtclubs, das mediterrane Ambiente oder die kulturellen Sehenswürdigkeiten sind immer wieder Grund genug, der katalanischen Hauptstadt einen Besuch abzustatten. Abhalten von einem solchen Trip könnte mich eigentlich nur die miserable Organisation des Gran Casinos. Seit 2002 komme ich mehrmals jährlich nach Spanien, jedes Jahr hoffe ich, dass es etwas besser wird…aber meine Hoffnungen stellen sich immer wieder als fromme Wünsche heraus. Der einzige europäische Ableger der World Poker Tour gastierte vom 22. bis 27. Mai dort und trotz der extrem späten Ankündigung in den Medien fanden immerhin 253 Spieler ihren Weg dorthin. Wirklich seltsame Blüten trieb erneut die eigenwillige Preispolitik des Monopolisten. Kurzerhand wurde von einer auf die andere Stunde das Rake von 20 auf 30 € pro Pot (!!!) erhöht. Auf die höfliche Nachfrage zur Begründung wurde uns lapidar mitgeteilt: „Wenn wir Lust haben, erhöhen wir morgen auf 50 €. Und wenn es Euch nicht passt, könnt ihr ja aufstehen und gehen. Dahinten stehen genügend Leute rum, die auf der Warteliste für den Sitzplatz sind“. Tja, das nenne ich echten Kundenservice. 

Turnierdirektor Thomas Kremser und sein Team versuchten noch zu retten, was eben zu retten ging; aber wie immer in Barcelona liegt der Fehler in der höchst eigenwilligen Personalpolitik des Casinos. Die Hälfte der Dealer wurde „mal so“ von den Roulettekesseln abgezogen und war kaum in der Lage korrekt die Karten zu geben, geschweige denn, Geld zu wechseln oder die Gewinnerhand am Board beim Showdown ausfindig zu machen. 

Trotz allem gelang es Thomas, den Main Event nahezu pünktlich zu starten und auch für einen vernünftigen Turnierablauf zu sorgen. Kaum Amerikaner, dafür  aber die überwiegende Mehrheit der europäischen Top-Profis wollten sich die Schnäppchen-Gelegenheit auf einen WPT-Titel nicht entgehen lassen. Ich selbst hatte vor, diesmal insbesondere in der Anfangsphase, etwas weniger aggressiv zu spielen, auch sehr gute Hände tendenziell eher nicht zu reraisen, sondern sich Flops anzuschauen.  

Das mit den sehr guten Händen hätte ich mir schenken können… 

Gleich am Anfang in der dritten Hand konnte ich mit :As :Qc einen schönen Pot von rund 3.000 Chips einsammeln und danach hieß es, warten und warten und warten…Am Ende von Tag 1 hatte ich immerhin 19.450 Chips, also mein Startstack von 15.000 ein klein wenig verbessert, war jedoch unter Average und eher im letzten Drittel des Feldes wieder zu finden. Bei der sehr guten Struktur stellte der Chipcount allerdings kein Problem dar, ohne Druck durch die Blinds und Ante konnte ich den Tag 2 relativ entspannt beginnen. So etwa alle 2 Jahre kommt es mal vor, dass ich in einem Turnier Gefahr laufe, mich in einem Turnier tot blinden zu lassen. Beim WPT-Turnier war es wieder mal der Fall. 9 von 10 Händen gab es preflop schon Raise und Reraise, bevor die Action überhaupt bei mir ankam und ich versuchte mich in der Weltmeisterschaft im „Dauerfolden“. Nach 5 Stunden Spielzeit war meine beste Starthand Pocket 3-3, aber irgendwie hatte ich meine 20.000 Chips bis dahin verteidigen können. Aber irgendwann gab es keine Gnade mehr. Als ich nach dem Raise auf 6.000 eines Skandinaviers in MP1 am Button ein Realsteal mit :Kd :Jc versuche und All-in pushe, wacht der Big Blind mit Pocket Assen auf und die Party war für mich zu Ende. 

Aber es gab ja auch noch den Nebenevent mit 2.000 € Buy-in. Das Spiel ging also am nächsten Tag von vorne los. Diesmal waren mir die Karten zumindest an Tag 1 etwas wohl gesonnener. Bis etwa 30 Minuten vor Spielschluss gehörte ich sogar zu den drei Chipleadern, verlor dann aber mit :Ax :Qx gegen :Ax :Kx bei getroffenem Ass am Flop die Hälfte meines Stacks und ging knapp unter Average, aber immerhin schon im Preisgeld, in Tag 2. 

Bei 16 verbliebenen Spielern kam es dann zu folgender Situation: Blinds 1.500/3.000, Ante 300. UTG (55.000 Chips) raist auf 8.000 und ich finde direkt in nächster Position  (53.000 Chips) Pocket Damen. Ich reraise auf 25.000, alle folden zum originalen Raiser, der dann nach etwa 3 Minuten Bedenkzeit mein Reraise callt. Der Flop bringt :Th :6s :2d und mit den ausholenden Armbewegungen eines Sumo-Ringers und der lautstarken Annonce „All-in“ schiebt er seinen eher bescheiden wirkenden Rest in die Mitte. In Lichtgeschwindigkeit calle ich und er dreht :8h :8c um. Der regelmäßige Leser meiner Artikel weiß natürlich, was jetzt so unaufhaltsam wie das zweite thermodynamische Gesetz passieren musste. Richtig, am Turn erscheint die :8d.Nice game, hasta la vista baby! Erneut springt für mich wieder nur ein Krümelanteil am Preispool heraus. 

Bleibt nur noch die Frage zu klären, warum dieser Blog so spät erscheint. Ganz einfach: Die letzten 3 Tage verbrachte ich mit meinem Umzug nach Las Vegas und der mehr oder weniger erfolgreichen Bekämpfung diverser Jet Lag Probleme. Aber mittlerweile habe ich mich hier wieder ganz gut eingelebt und freue mich schon auf meinen ersten WSOP Einsatz, das 10.000 $ mixed game Turnier. Hier stellt Nolimit Holdem glücklicherweise nur ein Achtel der Action dar, was alleine schon Garant für einen kräftigen Stimmungsaufheller ist. 

Euer Michael von free-888.com

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