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Archive für August 2008
Grazer Begegnungen
20.8.2008 von Michael Keiner.
Zum ersten Mal fand in der Grazer Filiale der Casinos Austria im Rahmen der CAPT ein internationales Turnier statt. Der gewohnt hohe Organisations- und Servicestandard dieser Tour weckte natürlich auch hier entsprechende Erwartungen – sie wurden nicht enttäuscht. Casinos Austria ist sich des harten Wettbewerbs auf der internationalen Turnierbühne durchaus bewusst und reagiert entsprechend. Pokermanager Edgar Stuchly, selbst passionierter Pokerspieler, hat die Organisation bestens im Griff und sieht dabei eben nicht nur den kurzfristigen Vorteil der eigenen Firma. Schließlich weiß er, das Poker „a life long game“ ist und der zufriedene Kunde gerne wieder kommt.
Ich selbst hatte mich für 3 Turniere angemeldet und bei dem 800 € Freezeout Nolimit Holdem bestand sogar eine gute Chance auf den Finaltisch. 109 Spieler hatten sich angemeldet und bei Levels von 30 Minuten Dauer war mir von Anfang an klar, dass man seine Erfolgsaussichten nicht unbedingt erhöhen würde, wenn man allzu lange auf der Bremse stehen würde. Gleich innerhalb der ersten 45 Minuten kam es zu zwei interessanten Begegnungen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.An meinem Tisch kannte ich bis auf Max Bracht und Andreas Krause niemand näher. Doch einer der „local heros“, Typ kantiger Steirer Bub zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Spieler hielt offenbar nur sehr wenig von potsized Bets, stattdessen bevorzugte er das kräftige Schwingen des Holzhammers. Zu meiner unvermeidlichen Begegnung mit ihm kam es, als Max in MP1 von 50 auf 125 erhöhte. Steirer Bub zahlt das Raise, der Cutoff zahlt ebenfalls, small Blind füllt auf und ich zahle mit :Kc :Qd selbstverständlich auch im Big Blind nach. Der Flop bringt :Qh :7c :3h . Bei so vielen Interessenten habe ich jetzt nicht unbedingt ein klares Bild davon, wie gut ich mit meinem Toppaar wirklich bin und checke erstmal in die Runde. Der Steirer Bub spielt 600 an, ich bezahle und wir sind tatsächlich Heads Up. Am Turn kommt die :2s, ich checke und er spielt 2.500. O.K., bezahlt! Der River bringt die :Td und bevor ich überhaupt Check sagen konnte, schiebt er schon all seine Chips in die Mitte. Beim Zählen zeigt sich, dass ich ihn gerade mal mit 50 Chips covere. Tough Decision! Im Kopf gehe ich die möglichen Szenarien durch. Pocket Asse oder Könige schließe ich bei ihm aus, er ist auf keinen Fall der Typ, der so was preflop slow spielt. Drilling hat er auch nicht, damit hätte er den River sicher etwas bedächtiger gespielt, er will schließlich noch ein paar Chips von mir bekommen und die Riverbet übermittelte die eindeutige Message an mich, meine Karten doch möglichst geräuschlos in den Muck zu werfen. Natürlich ist da noch die Möglichkeit von A-Q in seiner Hand oder vielleicht auch zwei Paar, da er eher der Typ war, preflop irgendwelche zwei Karten zu spielen. Irgendwie kam mir die Art und Weise seines All in Moves am River aber doch zu sehr als Muskelspiel vor. Ein kurzer Blick rüber an den Cashgame High Limit Omaha Tisch gab schließlich den Ausschlag für meinen Call. An jenem Tisch war nämlich noch ein Plätzchen frei und die Action erschien mir für den frühen Nachmittag doch ganz ansehnlich.Nach meinem Call dreht mein Gegner ziemlich frustriert :Kd :4d um. Kompletter Bluff ohne irgendeinen Draw, er war schon am Turn drawing dead und ich hatte mich aufgedoppelt. Innerhalb von wenigen Minuten wird sein Platz von einem ebenso jungen, wie aggressiven Spieler besetzt, der sofort die Rolle eines „Reserve Gus Hansen“ übernehmen möchte Glücklicherweise hatte ich aber jetzt doppelt so viele Chips wie er und wollte mich mit Sicherheit nicht rumpushen lassen. Mit :8s :9s openraise ich UTG von 100 auf 300, er bezahlt. Heads Up sehen wir den Flop :Js :8d :7s . Ich spiele sofort 600 an und er raist mich auf 1.800. Für mich sieht das wie ein Monsterflop aus, selbst gegen ein Overpair habe ich rund 60 % Gewinnchance. Also reraise ich auf 5.000, was er sofort mit seinem All in beantwortet. Na gut, denke ich mir, dann müssen halt die 60 % greifen. Ich calle und er dreht :Ah :Jh um. Schließlich gewinne ich den Showdown, weil am River eine :9x mir ein zweites Paar schenkt. Nach nur 45 Minuten Turnierdauer besitze ich den dreifachen Average, eine selten günstige Ausgangslage. Leider hat es dann doch nur für Platz 17 gereicht. Einige misslungene Blind-Stehlversuche in den späten Levels, zwei Suckouts und viele tote Karten warfen mich zurück unter Average, als wir noch 20 Spieler waren. Meine letzte Hand des Turniers verliere ich als klassisches Race in einem Battle of the Blinds mit :Ac :Qh gegen die Pocket 7 des späteren Turniersiegers, Angelo Angelis.
Eigentlich hatte ich das Ganze schon abgehakt, als ich einen Tag später mit Andreas Krause an der Bar sitze. Ganz spontan meint er, ich hätte die beiden oben beschriebenen Hände „grottenschlecht“ gespielt. Mit K-Q hätte ich das All in niemals callen dürfen und die 8-9 suited hätte ich ebenfalls maßlos überspielt. Im ersten Moment fällt mir mein alter Spruch ein: „Wer heilt, hat recht“, frei übersetzt: Wer die Hand gewinnt, hat sie richtig gespielt! Andererseits ist Andreas derzeit unbestritten der erfolgreichste deutsche Turnierspieler und ich sollte vielleicht seine Gedanken nicht einfach so mit einer Handbewegung beiseite schieben. Viel Raum für Diskussion meint
Euer Michael von free-888.com
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Vom Regelfetischismus
6.8.2008 von Michael Keiner.
Seit letztem Freitag bin ich in Hamburg. Der Grund ist ausnahmsweise nicht pokertechnischer Natur, sondern die mittelbare Konsequenz meines siebenwöchigen WSOP-Trips, von dem ich vier Wochen krank war. Die längst überfällige Nasennebenhöhlenoperation hatte ich schon einige Jahre vor mir her geschoben, aber jetzt war Schluss mit lustig. Da ich beim Thema Gesundheit zu keinerlei Kompromissen bereit bin, wollte ich natürlich vom besten Spezialisten in Deutschland operiert werden, und eben der hat seine Praxisklinik in Hamburg. Die eigentliche Operation fand am Montag statt und ist hervorragend verlaufen. Mittlerweile habe ich die Klinik schon wieder verlassen und bleibe noch zwei Tage im Grand Elysee Hotel, wo sich das Umfeld für die ambulante Nachbehandlung doch etwas komfortabler gestalten lässt.
Aber zwischen den Voruntersuchungen am letzten Freitag und der OP am Montag lag ja ein ganzes Wochenende, welches ich der Potlimit Omaha Partie im Casino Esplanade widmen wollte. Der Partie selbst eilte ein legendärer Ruf voraus, obwohl ich die Rahmenbedingungen gelinde gesagt als „suboptimal“ bezeichnen möchte. 300 € Minimum Buy-in bei Blinds von 5/10 ist nicht gerade deep stacked, zumal ein Rebuy nach erfolglosem All-in für schlappe 150 € möglich ist. Oft führt diese Buy-in Regel dazu, dass einige Kandidaten immer wieder versuchen, ihre 150 € möglichst preflop in die Mitte zu bringen, so dass gar kein Boardplay mehr möglich ist. Da es aber beim Omaha so gut wie nie und im Gegensatz zu Texas Hold’em keine klaren „preflop“ Favoritenhände gibt, kann das Ganze auf diese Art und Weise leicht zu einem Glücksspiel degenerieren. Offen gestanden fand meine Skepsis schon am ersten Abend reichlich Nahrung. Ich weiß, dass drei Tage Spielteilnahme längst nicht ausreichen, um sich eine klare Meinung zu bilden, aber eine Grundtendenz ist mir aus anderen Locations nur allzu bekannt: Sowie jemand ein paar hundert Euro vorne ist, erschallt der Ruf „Seat open“. Auf Dauer führt das bei allen Anwesenden zu einem extrem vorsichtigen Agieren bei den deep Stacks einerseits und jener schon vorher zitierten preflop All-in Strategie bei den super short Stacks andererseits. Mittelfristig haben solche Konstellationen keine guten Überlebenschancen. Aber, wie gesagt, drei Tage sind keineswegs repräsentativ genug, um die Qualität einer Partie beurteilen zu können.
Wirklich überrascht war ich dann jedoch von einigen, doch recht „eigenwilligen“ Hausregeln. 2 Beispiele seien hier aufgeführt:
1. Out of Turn Action
Wenn ein Spieler eine Wette tätigt, obwohl er noch nicht an der Reihe ist, muss er seinen Einsatz zurücknehmen und darf nur noch passiv agieren, also checken oder den Einsatz eines vorhergehenden Spielers callen. Bei einigen Dealern muss er sogar noch zur Strafe für seine „Out of Turn Action“ einen Blind (10 €) in den Pot geben.
2. Karten über der Linie
Wenn die Karten eines Spielers eine ominöse Linie auf dem Tisch vollständig passieren, ist die Hand des Spielers tot, auch wenn sie noch nicht den Muck berührt hat.
Für jeden einleuchtend ist, dass eine Pokerpartie klare Regeln haben muss. Jede Pokerregel sollte allerdings ein Ziel verfolgen: Sie sollte im besten Interesse des Spiels für Fairness sorgen und gleichzeitig alle Spieler, insbesondere aber die Unerfahrenen, schützen. Eine Regel, die um ihrer selbst willen eingeführt wird, ist so überflüssig wie ein Kropf.„Out of Turn Action“ ist in den meisten Fällen eine Verletzung der Etikette und bringt nur in seltenen Fällen einen strategischen Vor- bzw. Nachteil für die anderen Beteiligten. International wird das so gehandhabt, dass der „Out of Turn“ Agierende an seinen Satz gebunden ist, insoweit ein übergangener Spieler nicht noch ein eigenes Bet tätigt. Die Hamburger Regel mit der Verurteilung zur Passivität ist definitiv nicht im Interesse des Spiels. Nehmen wir einmal an, dass ich einen mittelprächtigen Draw spiele und eine billige Turncard sehen möchte. Wenn ich jetzt agiere, obwohl ich nicht an der Reihe bin, muss ich checken, insoweit niemand vor mir ansetzt. Die anderen haben aber meine „versuchte“ Wette gesehen und werden jetzt vorsichtig sein, außer, sie halten eine Monsterhand. In vielen Fällen wird jetzt einfach durchgecheckt und ich erhalte eine kostenlose Turncard. Ist das fair?
Noch heftiger ist die Geschichte mit der ominösen Linie auf dem Tisch, die ohnehin nur im deutschsprachigen Raum existiert. Gerade bei Multiway-Action kann es vorkommen, dass ich den letzten zu agierenden Spieler nach meinem Anspiel einfach übersehe, insbesondere, wenn er seine Karten mit beiden Händen covert. Ich gebe jetzt meine Hand frei, um den Pot in Empfang zu nehmen, muss aber feststellen, dass ich den Pot kampflos verloren habe, weil meine Karten über die 5 cm vor mir verlaufende Linie gewandert sind. Natürlich ist auch mein letzter Wetteinsatz verloren, obwohl mein Gegner nicht mal callen muss. Leute, wo bleibt da die Verhältnismäßigkeit der Mittel?
Um es gleich vorweg zu sagen: Während der drei Tage in Hamburg ist mir persönlich glücklicherweise niemals ein Regelverstoß passiert, aber ich konnte beobachten, wie einzelne Spieler davon betroffen waren. Meist waren es die etwas weniger geübten Amateure, die dann natürlich frustriert aufgestanden sind. Wollen wir diese Leute wirklich vom Tisch verprellen oder sie mit Regeln schützen, die im besten Interesse des Spiels sind?
Euer Michael von free-888.com
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