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Festtagsspielereien
Am zweiten Weihnachtsfeiertag machte ich einen kurzen Tagesabstecher nach Wien. Das vor ein paar Wochen neu eröffnete Montesino-Casino hatte mich für einen Gastauftritt gebucht. Mit dem Konzept, Pokern und Entertainment harmonisch miteinander zu verbinden, versucht die Geschäftsleitung, neue Weg im Rahmen eines klassischen Cardcasinos zu gehen. Stilvolles Ambiente, ohne kitschig zu wirken, ein sehr gutes Restaurant, eine Showbühne und 3 Barbereiche sprechen auch diejenigen Kunden an, die beim Besuch eines “normalen” Pokerrooms eher zurückhaltend wären.
Attraktive Turniere mit meist garantiertem Preispool sind im täglichen Angebot, wobei die Struktur im Vergleich zum Buy-in wirklich positiv überrascht. Hauptthema meines Auftritts wat ein Bounty-Turnier, bei dem ein Kopfgeld in Höhe von 1.000.- € auf meinen Turnierrauswurf ausgesetzt war. Bei einem Buy-in von nur 56.- € ist das natürlich ein gewaltiger Brocken, der zumindest bis in die tiefen Preisgeldränge alle anderen strategischen Überlegungen zum Turnier in den Hintergrund treten läßt.355 Spieler stürmten das Casino und schon bald bekam ich den Eindruck, dass es sich nicht um ein Bounty-Turnier, sondern um eine allgemeine Treibjagd handelte, bei der ich das einzige auserwählte Opfer sein sollte.
Erschwert wurde das Ganze noch zusätzlich durch ein paar merkwürdige Entscheidungen des Turnierdirektors, der mich stets dann an einen anderen Tisch zu setzen pflegte, wenn ich gerade am Button war. So hatte ich im Schnitt ungefähr alle vier Hände die beiden Blinds und wechselte allein in den ersten drei Levels zehnmal den Tisch. Irgendwie löste diese Hetzjagd geradezu Trotzgefühle in mir aus und ich wollte es den Jägern so schwer wie möglich machen. Also versuchte ich auf jeden Chip zu achten, als ob es mein letztes Geld wäre!
Welche strategischen Anpassungen sind also bei einem Bounty-Turnier nötig?
Zunächst einmal sollte man sich in die Rolle des Jägers versetzen. Dieser zahlt 56.- € und gewinnt 1.000.- €, wenn er mich aus dem Turnier wirft. Sofern er mich mit seinen Chips covert und ich im Pot bin, ist es ein absolutes Muss, mit “any two cards” den Flop zu sehen. Jeder Preflop Fold wäre -EV, sobald ich Chips investiert habe.
Für mein eigenes Spiel ergeben sich daraus folgende Überlegungen:
1. Ultratighter Grundansatz in den ersten Levels!Da keine meiner Hände irgendeine Form von Fold-Equity seitens des Gegners besitzt, bin ich auf Kontakt zum Flop angewiesen. Bei jeder Hand, die ich spiele, muss ich davon ausgehen, dass es zum Showdown kommen wird.
2. Bluffen ist für mich gegen gleichgroße oder größere Stacks absolut verboten!Erklärt sich von selbst durch Punkt 1. Das Gleiche gilt entsprechend natürlich auch für Semibluffs, die bekanntlich einen Großteil ihres Wertes aus besagter Fold-Equity gewinnen.
3. Postion wird noch erheblich wichtiger!Wenn ich in früher Position Chips preflop investiere, werde ich immer mit Multiway-Action konfrontiert sein. Das führt zu folgendem Schluß: In früher Position sollten Karten wie hohe Paare oder AK nur gelimpt werden, in später Position gewinnen suited connectors ungeheuer an Wert, da sie fast immer gegen mehrere Gegner antreten.
4. Nur die Karten spielen und nicht den Gegner!Da ich kaum mehr als sechs oder sieben Hände am gleichen Tisch spiele, ist es völlig illusorisch, irgendwelche Reads auf die Mitspieler zu bekommen, zumal diese Reads auch getrost über Bord geworfen werden können, sobald ich im Pot bin.
Bei allen Überlegungen gibt es auch noch einen positiven Punkt zu vermerken. Ich muss mir mit sehr starken Händen niemals überlegen, wie ich Chips in die Mitte bekomme. Das übernehmen meine Gegner aufgrund des Bounty für mich!
Dieser Strategie zufolge spielte ich in den ersten 60 Minuten keine Hand und wurde nur runter geblindet. Dann ergab sich eine gute Gelegenheit. UTG macht ein bei Blinds von 50/100 ein Eröffnungsraise auf 300, drei Spieler bezahlen und ich finde am Button :7h :8h. Ich zahle ebenfalls, wie natürlich auch der Small und Big Blind nach mir. Der Flop kommt :7d :4d :7c. UTG macht sein continuation bet in Höhe von 1.600 und der nächste Spieler zahlt nach. Eine bessere Situation werde ich wohl nicht mehr finden und pushe mit geflopptem Drilling sofort mit 5.300 All in. Die Blinds sowie UTG folden, nur der zweite Spieler zahlt nach. Völlig korrekte Entscheidung in Hinblick auf das Bounty, da er mich erstens covert und zweitens mit :Ad :5d den Nutflushdraw hält. Aber er verpasst den Flush und aus meinem Drilling wird am River sogar noch ein Full House. Danach besitze ich 14.500 an Chips und gehöre mit zu den Chipleadern. Normalerweise ist das meine persönliche Aufforderung zum Tanz und in allen anderen Turnieren packe ich jetzt das “Terrorkommando” aus. Kurzfristig habe ich dies auch im Bounty-Turnier versucht, nach kürzester Zeit aber wieder aufgegeben. Interessanterweise spielten die Leute stets weiter den Jäger, auch wenn sie aufgrund ihres eigenen Chipcounts überhaupt keine Chance hatten, mich aus dem Turnier zu werfen. Wahrscheinlich war es ein konditionierter “Bounty-Reflex”, der dieses Verhalten unterstützte.
Also spielte ich weiterhin gemäß den oben aufgeführten Grundsatzüberlegungen. Letzten Endes konnte ich mich unter die Top 100 retten und schied irgendwo zwischen Platz 83 und 92 aus, als ich shortstacked mit 6.200 Chips bei Blinds von 800/1600 mit :As :Th all in pushte und in Pocket Asse lief.
Neben der Tatsache, dass dieses Turnier trotz völliger Chancenlosigkeit aufgrund des Bounty unheimlich viel Spaß gemacht hat, habe ich auch noch die praktische Bestätigung für eine Grundsatztheorie des Turnierpokerns bekommen. Wenn man sich bei einem Turnier nur auf seine Karten verlassen muss, ist es so gut wie unmöglich, den Finaltisch zu erreichen, geschweige denn, das Turnier zu gewinnen. Spätestens ab der mittleren Phase werden die regelmäßigen Steals der Blinds und Antes so unglaublich wichtig, dass sie spielentscheidend sind.
Einen guten Rutsch in ein erfolgreiches und glückliches 2009 wünscht Euch
Euer Michael von free-888.com
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